{"id":1688,"date":"2007-11-03T10:52:19","date_gmt":"2007-11-03T08:52:19","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.tokbela.de\/2007\/11\/03\/1688\/"},"modified":"2007-11-03T10:58:35","modified_gmt":"2007-11-03T08:58:35","slug":"gewissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.tokbela.de\/?p=1688","title":{"rendered":"Gewissen"},"content":{"rendered":"<p>Meine Liebe zur Mathematik begann in der f&uuml;nften Klasse. Es war mein erster Schultag am Gymnasium und ich war entsprechend aufgeregt. Der neue Schulranzen (Leder!) roch gut und dass die anderen Sch&uuml;ler stolz ihre Eastpacks und 4YOUs vorf&uuml;hren, war mir doch egal.&nbsp;<\/p>\n<p>Unser Mathematik- und gleichzeitig Klassenlehrer stand vor der aufgeregten Meute, die nun echte Gymnasiasten und keine kleinen Grundsch&uuml;ler mehr war und sprach die Worte, die ich nie vergessen werde:<\/p>\n<p>&quot;Ich bin <em>Herr B<\/em>. Ich bin ein strenger Lehrer.&quot;<\/p>\n<p>Seine Augen f&uuml;gten hinzu: &quot;Und ihr seid verweichlichte Kuscheleckensch&uuml;ler, ey.&quot;<\/p>\n<p>Herr B. war in der Tat streng, aber auch fair. Er brachte uns die &quot;gro&szlig;e&quot; Mathematik ein gutes St&uuml;ck n&auml;her, lehrte uns Algebra und Geometrie und fuhr mit uns in den Schwarzwald. Wir hatten eine echt gute Zeit.<\/p>\n<p>Nach Herrn B. kam <em>Herr K<\/em>. Herr K. sprach ein lustiges Deutsch, weil Deutschland nicht seine eigentliche Heimat war. Er hatte eine gro&szlig;e Schw&auml;che f&uuml;r physikalische Spielereien aller Art und brachte manchmal seine Elektroschockmaschine mit, die kleine Elektroschocks verteilte, wenn man an einer Kurbel drehte. Ich habe mich nie getraut, die Kontakte anzufassen, aber meine beste Freundin hat es gemacht und es schien lustig zu sein.<\/p>\n<p>Au&szlig;erdem liebte Herr K. R&auml;tsel aller Art. Mathematische und logische baute er manchmal in seinen Unterricht ein und ab und zu, beispielsweise nach Klausuren, brachte er uns Teile seiner <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mechanische_Geduldsspiele\">Geduldsspiele<\/a>-Sammlung mit.&nbsp;<\/p>\n<p>Nach Herrn K. gab ein <em>Herr S<\/em>. in der Oberstufe (Mathematik Leistungskurs) ein kurzes, jedoch relativ farbloses Intermezzo (ich war dort sehr schlecht), bevor ich an die Uni kam und die richtige Mathematik kennenlernte.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;  <strong>Uni.<\/strong> <\/p>\n<p>Die Mathematiker an der Universit&auml;t zeichneten sich samt und sonders durch einige pr&auml;gnante Wesenheiten aus.<\/p>\n<p><em>Erstens<\/em>: Sie liebten die Mathematik. Manchmal kam es vor, dass ein Mathematiker nach Vollendung eines komplizierten Beweises einen Schritt von der Tafel zur&uuml;cktrat, um das Werk in seiner Gesamtheit auf sich wirken zu lassen.<\/p>\n<p><em>Zweitens<\/em>: Sie jonglierten so gekonnt mit Zahlen und Formeln, dass einem vom blo&szlig;en Zuschauen H&ouml;ren und Sehen verging. Waren sie ein Mal im Rausch gefangen, wollten sie Blut sehen. Wehe dem, der sie in ihren Gedankeng&auml;ngen st&ouml;rte.<\/p>\n<p><em>Drittens<\/em>: Sie sprachen analytisch, dachten analytisch, lebten analytisch. Trotz ihrer Lieber zur und ihrem Geschick mit Mathematik war sie doch auch nur ein Werkzeug. Die Mathematik als lebloser Hammer, der den Nagel der Weisheit in die K&ouml;pfe der Ungl&auml;ubigen h&auml;mmern soll.<\/p>\n<p><em>Viertens<\/em>: Sie waren &#8211; der Mathematik gegen&uuml;ber &#8211; vollkommen gewissenlos. Hemmungslos schlossen sie Zahlen aus, wenn durch sie ein Nenner Null werden konnte. Leidenschaftslos verglichen sie f&uuml;r ihre Beweise wahre Aussagen mit falschen.<\/p>\n<p><strong>&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp; BA<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Uni kam ich an die Berufsakademie. Dort soll uns Herr Dr. S. in die Geheimnisse der Mathematik einf&uuml;hren. Als Versicherungstussi muss man n&auml;mlich auch ein gewisses mathematisches Grundwissen mitbringen (Zinsen, Zinseszins, Zinseszinseszins), und wie immer an weiterf&uuml;hrenden Hochschulen beginnt die Vorlesung mit Mengenlehre und Aussagenlogik. Nun ist Herr Dr. S. kein gew&ouml;hnlicher Mathematiker, und schon diese ersten beiden Themengebiete reichten aus, dies zu zeigen.<\/p>\n<p>Herr Dr. S. liebt die Mathematik und jongliert gekonnt mit Zahlen. Und &#8211; und das macht ihn einzigartig &#8211; Herr Dr. S. hat ein Gewissen.&nbsp;<\/p>\n<p>&quot;Wir behandeln die Aussagen, als w&auml;ren sie alle wahr. L&uuml;gen darf man n&auml;mlich nicht&quot;, erkl&auml;rte er uns gleich in der zweiten Stunde. Und sollte eine Aussage &#8211; in einem Beweis &#8211; doch mal falsch sein, so sieht man ihm an, wie sein Herz ein kleines bisschen bricht. Manchmal versucht er dann, zu retten, was gar keiner Rettung bedarf:<\/p>\n<p>&quot;Diese Aussage ist falsch. Also aus Versehen.&quot;<\/p>\n<p><em>Hach.&nbsp;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Liebe zur Mathematik begann in der f&uuml;nften Klasse. Es war mein erster Schultag am Gymnasium und ich war entsprechend aufgeregt. 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